Fastenbrechen mit dem islamischen EBRU-Verein am 17. Juni 2016

Rede von Pfarrer Rolf Engelhardt

Freundlich willkommen und einen Guten Abend. Wir treffen uns - so wie schon die Jahre zuvor -, um mit Ihnen, unseren muslimischen Mitbürgern, das Fastenbrechen, das Iftar-Essen also, zu begehen.

Und wir verstehen das als Möglichkeit, einander kennen zu lernen, voneinander zu erfahren, uns gegenseitig zu erzählen und uns in all unserer Unterschiedlichkeit wahrzunehmen.

Ich bedanke mich jetzt schon bei den Mitgliedern des EBRU-Vereins, insbesondere Frau Mercan und Herrn Tuncer, für all ihre Mühe, die sie sich gemacht haben und für das sicher wieder leckere Essen.

Trotz all unserer Unterschiede haben wir Menschen eine grundsätzliche Gemeinsamkeit. Wir sind alle Menschen; niemand mehr als ein Mensch und niemand weniger als ein Mensch. Und unsere Verschiedenheit darf uns nicht davon abhalten, uns näher kennen zu lernen.

Ich weiß von Herrn Tuncer, dass viele von Ihnen unter den gewalttätigen Strömungen im Islam leiden. Und dass Sie auch an den Entwicklungen in der Türkei leiden. Wir nehmen daran Anteil und möchten dabei mithelfen, dass die Vernunft die Oberhand gewinnt. Auch deshalb, weil auch das Christentum seine gewalttätigen und dunklen Zeiten hatte und immer noch hat.

Erlauben Sie mir deshalb, aus einem Artikel zu zitieren, den ich in der Wochenzeitung DIE ZEIT (Nr. 20 vom 04. Mai 2016) gefunden habe. Dieser kluge Artikel stammt von Abdel-Hakim Ourghi. Er leitet den Fachbereich Islamische Theologie an der Universität Freiburg.

Der Artikel trägt die Überschrift:

„Keine Angst vor Kritik! – Es genügt nicht, zu sagen, der Islam sei eine Friedensreligion. Wir müssen ihn auch dazu machen.“

Ourghi schreibt dann: 

„Horrormeldungen über islamistischen Terror gehören heute weltweit zum Alltag der Menschen. Die Wahrheit mag unangenehm klingen: Aber es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht muslimische Täter im Namen ihres Glaubens exzessive Gewalttaten begehen. … Opfer sind in der Mehrheit Muslime, aber auch Angehörige anderer Glaubensgemeinschaften. Die Schauplätze des Terrors sind längst nicht mehr nur Länder in der islamischen Welt, sondern westliche Metropolen.

Militante Islamisten schüren die Angst vor dem Islam, wie sie nun etwa innerhalb der AfD sichtbar wird. Angst vor dem Islam wiederum befeuert die innerislamischen Verschwörungstheorien vom feindlich gesinnten Westen.

Dagegen hilft nur ein offener Dialog mit Reformern innerhalb der muslimischen Gemeinde - und mit Nichtmuslimen. Sonst wird der Islam keine Anerkennung durch andere Religionsgemeinschaften erreichen. Wir wissen aus der Geschichte des Christentums: Solange eine freie, vernunftgemäße Religionskritik vehement abgewehrt wird, muss sich der Graben zur Moderne und zum Humanismus weiter vertiefen. 

Was tun? Es hilft nicht, vom wahren Islam zu schwärmen. Nur die Vernunft kann die Glaubenden aus ihrer Unmündigkeit befreien.

Jede Religion schafft Unmündigkeit, wenn sie Denkverbote ausspricht und allen berechtigten Nachfragen zum Trotz auf ihren Dogmen beharrt. Im Islam geht es jetzt darum, die historische Wissenstradition vom patriarchalischen Ballast zu befreien.

Kritik einer Religion ist noch kein Angriff auf die Religion. Kritik kann zum Verlust von Gewissheiten führen, aber auch zur Entfaltung neuen Sinns. Gerade im Westen! Die hier geborenen und sozialisierten Muslime definieren sich meist nicht als Sunniten oder Schiiten, so können sie den Weg zum Frieden ebnen.

Wer eine religiöse Wahrheit absolut setzt, macht Religion zur Gefahr. Nie war die Aufklärung des Islams so notwendig wie heute, angesichts des … islamistischen Terrors. Viele Muslime empfinden ihn schmerzlich. Sie sehen sich eben nicht als Teil einer militanten Gemeinschaft, die die Herrschaft über die Welt erstrebt. Der Islam ist für sie keine staatliche Ordnung mit universalem Geltungsdrang, sondern ein privater Glaube, eine geistliche Bewegung, eine Bindung an Gott.

Es genügt nicht, zu behaupten, der Islam sei eine Friedensreligion. Wir müssen ihn dazu machen.

Wir Muslime sollten keine Angst vor Kritik haben sondern uns verbünden mit den redlichen internen Kritikern anderer Religionen. Nur durch den Gebrauch der Vernunft kann die freie, herzliche, unverbogene, realitätsbezogene Spiritualität der Muslime neu zum Leuchten kommen. Dann kann sich gerade in Europa ein vorbildhafter Islam entwickeln. Er wäre … befreiend.“

Soweit Abdel-Hakim Ourghi.

Möge auch dieser Abend dazu dienen, uns besser zu verstehen und in Frieden miteinander zu leben.

Als Ausdruck unseres Dankes habe ich stellvertretend für alle für Frau Mercan und Herrn Tuncer einen Blumenstrauß mitgebracht.

Ich möchte jetzt noch eine kleine Geschichte vorlesen:

P. Heinz Perne, „Das Ende der Nacht“

Wir haben vereinbart, dass wir Tischgebete sprechen - ein christliches und ein muslimisches, und ich bete jetzt unser Gebet …

Tischgebet:

Wir danken dir, himmlischer Vater, dass du uns nährst an Leib und Seele. Gib, dass wir mit all unseren Kräften dir dienen und die Menschen nicht vergessen, die Hunger und Not leiden. 

Amen

Rede von Vorstand Ümit Tuncer

Meine geehrte Damen und Herren,

hiermit möchte ich Sie als Vorstand im Namen der Ebru e.V. recht herzlich zu unserem nun vierten Ramadan-Abendessen begrüßen und zugleich Herrn Pfarrer Engelhardt und der evangelischen Kirchengemeinde meinen Dank aussprechen dass Sie uns auch dieses Jahr herzlichst empfangen haben und mit uns gemeinsam Abendessen.

 Mein Dank gilt auch den fleißigen Damen in der Küche, die sich selbstlos ins Zeug gelegt haben, um diese Köstlichkeiten hier mit Ihnen gemeinsam als Abendmahl zu genießen.

Meine Damen und Herren, erlauben Sie mir aus gegebenem Anlass auch an die Opfer aus Orlando zu gedenken. Wir die Ebru e.V. sprechen unser Beileid aus und wünschen den Menschen in den USA viel Kraft und Entschlossenheit, um die Trauer und den Schmerz über dieses Attentat zu bewältigen.

Mit Abscheu haben wir die Tat vernommen und betonen erneut:

Dass der Islam keine archaische Religion ist. Im Gegenteil - er teilt mit den abrahamitischen Religionen den Glauben an die Heiligkeit des Lebens und die Absage an die Kultur des Menschenopfers (zu lesen in der ZEIT Nr. 42/10).

Es heißt: wer sich an einem Menschleben vergeht, vergeht sich an der gesamten Menschheit. Wer einem Menschen das Leben rettet, genießt den Stellenwert, als ob er der gesamten Menschheit das Leben gerettet hat. Ich denke hier sehen wir ganz die Haltung des Islam zu diesen Geschehnissen.

Ich möchte an dieser Stelle auch die Worte von unserer Bundeskanzlerin Frau Merkel aufgreifen und sagen: Trotz aller Widerstände sind wir entschlossen, unser offenes und tolerantes Leben fortzusetzen. Wir werden weiterhin gemeinsam feiern, gemeinsam lachen und gemeinsam trauern.

„Gebt Essen und verbreitet Frieden“, heißt es in einem Hadit des Religionsgelehrten At-Tirmidh.

Wir die Ebru e.V. möchten als Brückenbauer zwischen Kulturen und Religionen wirken. Unser Ziel ist es, Vorurteile abzubauen und als Multiplikator für ein friedliches und freundschaftliches Zusammenleben zu wirken. Mit unseren Aktivitäten möchten wir den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern und Freundschaften schließen. Nicht ein Kampf der Kulturen und Religionen,  sondern ein friedliches und respektvolles Miteinander führt aus unserer Sicht zu einer Gesellschaft, die gemeinsam die Herausforderungen unserer Zeit stemmt.

Der Monat Ramadan wird im Islam als ein Fest der Barmherzigkeit und Nächstenliebe angesehen. Durch das Fasten soll die Seele geläutert und die Beziehung zu Gott und seinen Mitmenschen gefestigt werden. Im Ramadan lernen wir auch, dass wir die natürlichen biologischen Bedürfnisse erziehen und beherrschen können, damit die Seele reifen und erwachsen werden kann.

Die Muslime genießen im Ramadan das besondere Miteinander in der Familie als auch und unter Freunden. Am Ende des Fastentages ist es Usus, dass man gemeinsam mit Freunden und Nachbarn das Fastenbrechen zelebriert.

Da sich der Ramadan nach dem Mondkalender richtet, erstreckt sich dieser vom 6. Juni bis zum 4. Juli Am 5. Juli ist dann das Ramadan Fest.

Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend. Lassen Sie es sich schmecken und entschuldigen Sie bitte nochmals meine verzerrte Stimme.

Zum Abschluss möchte ich Herrn Engelhardt im Namen der Ebru e.V. als Dankeschön ein kleines Präsent überreichen.

Tischgebet:

Oh unser barmherziger Schöpfer für Dich fasten wir; mit Deinen Gaben brechen wir das Fasten; nehme von uns an,  denn Du bist der Allhörende und der Allwissende. Segne uns unsere hier anwesenden Freunde.

Amen

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