Liebe Gemeindeglieder,

„Schmückt das Fest mit Maien...

So beginnt eines der schönsten Kirchenlieder im Gesangbuch, von Benjamin Schmolck 1715 gedichtet (EG 135).

Und zitiert wird dabei Psalm 118,27: „Schmückt das Fest mit frischen Trieben bis an die Hörner des Altars”.

Im 1. Buch der Könige, Kapitel 22,11 finden sich die „Hörner” des Altars: Vier Stierhörner an allen Ecken. Wer eines der Hörner ergreift, findet im Tempel Asyl und ist immun gegen weitere Verfolgung.

Ungeniert schimmert hier noch das von Aaron geschmiedete goldene Stierbild hindurch, das sog. „goldene Kalb”, das Urbild des Götzendienstes und aller fatalen, auch Menschenopfer nicht scheuenden Machtvergötzung.

Der Altar des lebendigen Gottes, der sich selbst hingibt, nun gleichsam als „Pfingststier” höherer Ordnung, als Symbol für die überlegene Stärke Gottes, die gerade in konsequentem Gewaltverzicht sich äußert und für alle Gewalt und Verfolgung Leidenden da ist:

Welcher pfingstlicher Frei-Mut, im Umgang mit nicht ungefährlichen Symbolen und Bildern!

Der Gesangbuchdichter Benjamin Schmolck seinerseits nun, der Psalm 118 für den evangelischen Gottesdienst zitierte, war ein evangelischer Glaubenszeuge, der an der Friedenskirche zu Schweidnitz, im durch und durch von der Gegenreformation „besetzten” Schlesien, durchaus ökumenischen Mut bewies. Indem er nämlich die für den katholischen Gottesdienst seiner Zeit typische barocke Üppigkeit, „Überflüssigkeit” und Bilderfreude ungeniert aufnahm in die evangelische Sprachkultur und damit für die protestantische Dankopferkultur des Singens und Musizierens fruchtbar machte.

Das „goldene Kalb” des römischen Messopfers schimmert auch hier noch durch den Überschwang des evangelischen Dank- und Lobopfers hindurch, und verbindet beide Welten: Beide verwandelnd, das Katholische vergeistigend, das Evangelische verleiblichend.

Ein kultureller Brückenschlag also im Dienst am „Friedensüberbringer” ( EG 135,Vers 2), den das Lied so sprachmächtig und farbig besingt.

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