Liebe Gemeindeglieder,

durch diesen Monat begleitet uns ein Vers aus dem Lukasevangelium:

„Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden.“

Wer sucht, hat ein Interesse. Viele Menschen aber suchen gar nicht mehr. Oder doch? Und wenn ja, wonach suchen Sie?

Irgendwo habe ich gelesen:

„Je wunder die große Welt, umso größer die Suche, die Sehnsucht nach einer heilen Nische.“

Nur: der Stall in Bethlehem ist keine heile Nische. So wie heute ist die Welt damals wund und zwingt die junge Familie zur Flucht nach Ägypten. Auch Nazareth ist keine heile Nische. Seine Mitbürger wollen Jesus steinigen. Und die Bilanz des Weges, den er geht, lautet:

„Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.“

Golgatha ist dann der Gipfel der wunden Welt - Golgatha ist böse, schrecklich.
Inszenierung einer Entblößung. Aufführung einer Ermordung. Spiele ohne Brot. Die Würfel hatten andere geworfen. Die Rechnung hatten andere unterschrieben.

Es gibt einen eigenartigen Fluchtpunkt im Leben Jesu: Mal ist es der Berg, mal die Wüste, in der Regel die Einsamkeit und Stille. Das reicht bis in den Garten Gethsemane.
Er braucht diese Nische. Nur: es ist keine heile Nische.

Mose braucht den Berg, um zu verstehen. Elia braucht die Felsgrotte. Petrus geht hinaus, als er verstanden hat. In der Nische kommt ein Mensch zur Ruhe, zum Nachdenken und zum Verstehen.

Je lauter die wunde Welt schreit, desto größer scheint die Sehnsucht, die Suche nach einer heilen Nische. Nur: es gibt keine heilen Nischen. Wie dann aber soll die wunde Welt heilen? Und können wir etwas beitragen zu diesem Heilungsprozess? Ich selbst will mich nicht in eine vermeintlich heile Nische zurückziehen. Und brauche doch einen heilenden Ort.

Und stelle ein paar nachdenkliche Fragen:

Gehen wir aus unseren Gottesdiensten aufrechter nach Hause, als wir gekommen sind? Um welche Last sind wir erleichtert? Welche Last ist geblieben? Welche unserer Hoffnungen begleiten uns? Mit welcher Hoffnung bleiben wir allein? Feiern wir in unseren Gottesdiensten - in einer verfassungsrechtlich geschützten Nische - die heile Welt im Angesicht zunehmend räuberischerer und gefährlicherer Wege?

Ich habe keine schnellen Antworten. Vielleicht hilft folgende kleine Geschichte. Martin Buber erzählt:

Ein Schüler Rabbi Baruchs hatte, ohne seinem Lehrer davon zu sagen, der Wesenheit Gottes nachgeforscht und war in Gedanken immer weiter vorgedrungen, bis er in ein Wirrsal von Zweifeln geriet und das bisher Gewisseste ihm unsicher wurde. Als Rabbi Baruch merkte, dass der Jüngling nicht mehr wie gewohnt zu ihm kam, fuhr er nach dessen Stadt, trat unversehens in seine Stube und sprach ihn an:

„Ich weiß, was in deinem Herzen verborgen ist. Du bist durch die fünfzig Pforten der Vernunft gegangen. Man be- ginnt mit einer Frage, man grübelt, ergrübelt ihr die Antwort, die erste Pforte öffnet sich: in eine neue Frage. Und wieder ergründest du sie, ndest ihre Lösung, stoßest die zweite Pforte auf - und schaust in eine neue Frage. So fort und fort, so tiefer und tiefer hinein. Bis du die fünfzigste Pforte auf- gesprengt hast. Da starrst du die Frage an, die kein Mensch erreicht; denn kennt sie einer, dann gäbe es nicht mehr die Wahl. Vermissest du dich aber, weiter vorzudringen, stürzest du in den Abgrund.“

„So müsste ich also den Weg zurück an den Anfang?“, rief der Schüler. „Nicht zurück kehrst du, wenn du umkehrst“, sprach Rabbi Baruch. „Jenseits der letzten Pforte stehst du dann, und stehst im Glauben.“

Ihnen allen von Herzen gesegnete Passions- und Oster-Tage mit Nischen der Erkenntnis und Antworten, die tragen. 

Ihr

Rolf Engelhardt

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