Erntedank

Das Lukasevangelium erzählt die Geschichte von zehn aussätzigen Männern. Sie alle sind hoffnungslose Fälle. Ausgestoßen aus der Gemeinschaft siechen sie in Erdlöchern dahin. Diese Zehn haben aber unwahrscheinliches Glück. Sie begegnen Jesus. Jesus behandelt sie nicht wie Aussätzige. Er spricht mit ihnen und heilt sie. Fröhlich kehren sie zu ihren Häusern und Familien zurück. Aber nur einer kommt zu Jesus, um ihm zu danken. Er war Samariter und damit ein halber Heide. Er aber verwandelt das Glück in Dank. Was unterscheidet ihn von den anderen?

Die Neun gehen schnell zur Tagesordnung über. Sie leben einfach weiter, als hätte es den Aussatz nicht gegeben. Der Aussatz war nur eine Störung der Normalität. Der Samariter dagegen hat über diese Heilung Tieferes erfahren: „Nichts auf dieser Welt ist selbstverständ- lich. Dass ich wieder gesund bin, habe ich mir nicht verdient. Es ist ein Geschenk – Gottes Geschenk!“

Am 6. Oktober feiern wir das Erntedankfest. Landwirte wissen: Ich kann ein ganzes Jahr hart arbeiten. Ein einziger Hagelschlag kurz vor der Ernte kann alles vernichten und ich bin vollkommen machtlos. Eine gute Ernte ist nicht selbstverständlich. Sie ist Geschenk – Gottes Geschenk!

Wir haben in unserem Leben viel weniger in der Hand als wir meinen. Ja, die wirklich wichtigen Ereignisse sind unserer Verfügung entzogen. Leider wird uns das meist erst in existentiell schwierigen Situationen bewusst, bei Krankheit oder Tod. Das Erntedankfest setzt nicht beim Verlust, sondern beim Geschenk an.

„Gott sei Dank!“ sagen wir oft unüberlegt dahin. Doch selbst in dieser Floskel schwingt noch eine Erinnerung mit, dass unser Leben weiterreicht als alle Erklärungen von ihm. Wir sind nicht unseres Glückes Schmied. Wir haben es nicht nur mit uns selbst zu tun. Wir haben es auch nicht mit einem blinden Schicksal. Wir haben es mit Gott zu tun, der es gut mit uns meint. Gott sei Dank!

Ernst-Wilhelm Gohl

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