Liebe Leserinnen und Leser des Gemeindebriefs,

Ihr sät viel und bringt wenig ein; ihr esst und werdet doch nicht satt; ihr trinkt und bleibt durstig; ihr kleidet euch, und keinem wird warm; und wer Geld verdient, der legt’s in einen löchrigen Beutel.
Haggai 1,6 – Monatsspruch September

Diese Worte haben eine Vorgeschichte. Die Babylonier hatten Jerusalem mitsamt dem Tempel in Schutt und Asche gelegt und die Oberschicht ins Exil DekanErnst-Wilhelm Gohl nach Babylon verschleppt. Jahrzehnte später kehren die Verschleppten allmählich zurück. Die Lage in Jerusalem ist desolat. Die Zurückgebliebene haben die zerstörten Häuser notdürftig aufgebaut. Vom einstigen Glanz ist nichts mehr zu sehen. Eine Dürre sucht das Land heim. Die Ernte wird noch dürftiger ausfallen. Jetzt muss das Wenige auch noch mit den Rückkehrenden geteilt werden. Das verschärft die Konkurrenz um die knappe Ernte und den knappen Wohnraum. Da tritt der Prophet Haggai in Jerusalem auf. Er benennt die Not der Bevölkerung mit klaren Worten. Aber was fordert er dann? Was beendet die Not? Naheliegend wäre der Aufruf: Seid solidarisch und teilt! Wer mehr hat, kann auch mehr abgeben!

Haggai fordert aber etwas anderes: Baut den Tempel wieder auf!, sagt er.

Mitten in einer schweren Krise ein so teures und anspruchsvolles Projekt anzugehen, das ist doch Wahnsinn! Ändert ein wiederaufgebauter Tempel irgendetwas an der konkreten Not der Menschen vor Ort? So haben die Menschen den Propheten Haggai damals gefragt und wir würden heute wahrscheinlich ganz ähnlich fragen. Aber wozu ist der Tempel da? Wozu sind Kirchen und Sakralbauten da? Wozu Gottesdienste? Menschen kommen dort zusammen, um mit Gott, „der Quelle des Lebens“, in Beziehung zu sein. Sich stärken zu lassen durch ein gutes Wort, durch ein Gebet, durch ein Lied, den schönen Raum, die Gemeinschaft untereinander. Haggai erinnert die Kinder Gottes in Jerusalem, dass sie Kinder Gottes bleiben, wenn Sie zuerst nicht nach sich, sondern nach Gott und seinem Reich trachten. Dann wird der Segen Gottes ihnen auch zufallen. Mir gefällt dieser Hinweis. Er weitet meine Perspektive.

Ernst-Wilhelm Gohl

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