Passion
Für viele Menschen ist der Besuch einer Aufführung eines Passionsoratoriums am Karfreitag ein wichtiger Bestandteil in der Nachvollziehung des Leiden Christi. Prominenteste Werke sind hier die beiden komplett erhaltenen Passionen Johann Sebastian Bachs.
Alle vier Evangelisten bieten mit ihrer Erzählung der Ereignisse dramatischen Stoff für eine musikalische Umsetzung. Je nach Epoche, Komponist und bisweilen auch Konfession erfährt die Passionsgeschichte eine sehr unterschiedliche musikalisch-kompositorische Auslegung.
Aufruhr, Trauer, Auseinandersetzung und Trost sind zusammen eine emotionale Mischung, die sich in Tönen besonders intensiv ausdrücken lassen, sowohl als Komponist wie auch als Interpret.
Das Wort „Passio“ bedeutet im Lateinischen „leiden“. Und somit ist im Werktitel einer Komposition der Inhalt schon klar festgelegt: der Leidensweg Christi mit Gefangennahme, Verhör, Verurteilung, Kreuzigung und Grablegung.
Bis ins 5. Jahrhundert nach Christus war es Tradition, dass die Leidensgeschichte während des Gottesdienstes vorgetragen wurde. Im Laufe der Zeit erfolgte die Vertonung und das Verteilen verschiedener Rollen. Mit der Reformation begann der Vortrag in deutscher Sprache und fand im 17. Jahrhundert durch Heinrich Schütz eine erste hohe Kunstform.
Johann Sebastian Bach schuf im 18. Jahrhundert mit seinen großen Passionen Werke, in denen er mit seiner Umsetzung an opernähnliche Szenen erinnert. Er nimmt nicht nur ein, bisweilen eigenständiges, Orchester hinzu, sondern verteilte das Geschehen auf viele weitere Handelnde. Und inhaltlich fügt er eine weitere Ebene hinzu: zeitgenössische Dichtung in den Arien und Choräle reflektieren das Geschehen.
Während protestantische Komponisten die Passion in dem vorbeschrieben Duktus umsetzten, entstehen bei katholischen Komponisten zusätzliche Vertonungen: „Die sieben letzten Worte“ oder „Stabat mater“, welches gezielt den Focus auf Maria lenkt.
Auch im 20./21. Jahrhundert haben sich u.a. Krzysztof Penderecki (Lukas-Passion) Sofia Gubaidulina (Johannespassion) oder Wolfgang Rihm (Deus passus) mit einer musikalischen Umsetzung auseinandergesetzt. Ebenso entstanden Vertonungen im Pop- und Jazz-Sektor.
Der Motettenchor der Münsterkantorei führt traditionell am Karfreitag um 15 Uhr im „Konzert zur Todesstunde“ Passionsoratorien auf. Die Herausforderung, eine gute Abwechslung von bekannten und unbekannten Werken zu finden, führt zur Begegnung mit bisweilen vollkommen unbekannten Werken, die aber alle Eines verbindet: wenn Jesus stirbt, findet jeder Komponist ein ganz besonders feine Tonsprache. Für mich am einprägsamsten sind aus der Bachschen Johannespassion die Alt-Arie „Es ist vollbracht“: die Seufzerthematik der Melodie und die zarte Sologambe gehen unter die Haut. Oder die Sopran-Arie aus der Matthäuspassion „Aus Liebe will mein Heiland sterben“: eine traumhaft schöne Trauer, die einen als Dirigent fast dazu führt, das Dirigieren einzustellen und einfach nur mitzutrauern.
Die Sängerinnen und Sänger des Motettenchors erleben das Passionsgeschehen noch auf eine andere besondere Art und Weise: der Chor singt am Karfreitag auch immer vormittags im Hauptgottesdienst. Das Hören der gelesenen Passionsgeschichte, der gemeinsame Gang zum Abendmahl und das gemeinsame Beten führen zu einer eigenen Haltung, in der dann am Nachmittag der Leidensweg musikalisch im Konzert nachvollzogen wird.
Am darauffolgenden Vormittag treffen sich dann bereits wieder Männerstimmen zur Probe für die Osternachts-Schola. Und so wird dann auf besonders schöne Weise der Weg vom Leiden zur Auferstehung musikalisch mitgelebt und mitgestaltet.